Bist du im Gleichgewicht
Du balancierst auf einer schmalen, steinernen Garteneinfassung, setzt Fuss um Fuss langsam und konzentriert voreinander auf und streckst deine Arme weit aus, um die Balance zu halten und nicht herunterzufallen. Bei jedem gezielten Schritt ist dein Fokus ganz auf dein Tun konzertiert. Die Arme, der Rumpf, die Beine, alles in perfekter Abstimmung. Körper und Sinne sind Eins und dein Verstand meldet dir, ja nicht zu Versagen. Deine Aufmerksamkeit geht zu einer Vibration in der Hosentasche. Eine SMS. Gekonnt balancierst du weiter, greifst mit der rechten Hand in die Hosentasche und holst dein Telefon heraus. Immer noch in guter Balance, das Ziel am Ende des Mäuerchens klar im Fokus, verändert sich jetzt das Gewicht in deiner rechten Hand. Schon das bringt dich arg ins Schwanken und aus dem leichten Wippen der Arme wird ein Rudern. Weiter geht’s. Mit viel Kraft und strengstem Blick gelingt es dir stehenzubleiben und an Stelle zu verharren. Schon der nächste Schritt – und es ist nur einen Fuss vor den anderen setzten – gibt gehörige Schlagseite. Erneut ein Vibrieren und jetzt hörbar ein kurzer Summton, lassen dich deine Hand mit dem Telefon direkt vor dein Gesicht führen. Gleichzeitig trittst du ab der Mauer. Fokus weg, Aufmerksamkeit weg. Aus der Mitte.
Abertausende Ablenkungen verführen uns den ganzen Tag. Ganz viel macht ganz schön Durcheinander. Vieles von dem führt ins Nichtselbst, heisst wir tun Dinge, die uns nicht entsprechen und injizieren daraus wieder die nächsten Dinge, die nicht stimmen. Bald stimmt vieles nicht mehr und es überkommt uns das leere Hingeben und Laufen lassen von allem. Es ist wie untergehen, ohne im Wasser zu sein. Immer ist was, dauernd braucht es was und vorzu fehlt mir die Zeit, um das zu tun was richtig für mich ist. Ist halt so. Kommt dann schon anders. Wäre dies und das nicht, wäre es besser. Relativieren ist kein Argument.
Wir sind aufgefordert uns unseren Nichtselbstthemen zu stellen und sie für uns alleine in Ordnung zu bringen und auch in Ordnung zu halten. Unsere Aufgabe ist es, aus dem inneren Gleichgewicht des Wissens, wer wir sind und wie wir funktionieren zu sein. Allein in unserer Verantwortung zu sein bedeutet, mit allen Selbst- und Nichtselbstthemen vertraut zu sein, diese zu schätzen und zu akzeptieren. Es macht nichts, wenn wir etwas falsch machen, aber wir sollten es nicht weiter so machen, weil es schlicht nicht richtig ist. Im Erkennen genau dessen, liegt der Ort der Selbstliebe. Wir müssen nicht perfekt fürs Aussen sein, sondern für uns selbst. Dazu gehört, dass wir Ecken und Kanten haben. Wir sind nicht Liebe, weil wir zu allen lieb sind. Wir sind Liebe, wenn wir aus einem Status des inneren Gleichgewichts agieren, akzeptieren wer und wie wir sind.
Um dieses Gleichgewicht und damit die volle Lebensverantwortung zu halten, ist es einerseits wichtig zu wissen, was für ein Design, welche Mechanik und was für ein Profil wir für unsere Zeit auf diesem Plan haben. Diese lassen sich einfach durch die Geburtsdaten, Zeit und Ort bestimmen. Dann ist es wichtig, damit zu beginnen, Konditionierungen der Herkunft, des erlebten und dem Leben zu klären und Dysbalancen auszugleichen. Das ist Eintauchen in die eigene Geschichte, auseinandersetzen mit seinem Erlebten, Zulassen von den unangenehmen, peinlichen, nicht mehr gewollten Geschehnissen und dabei filtern, wie es sich angefühlt, dort zu sein und was man getan hat um da wieder rauszukommen. Ein Auseinandersetzen mit sich selbst halt.
Nicht ins Kino gehen und die andere Geschichte zu deiner machen. Die Welt des Nachbarn ist nicht deine. Machst du sie aber zu deiner, dann erinnere dich daran; Wenn du ein Problem damit hast, ist es deins. Ins Gleichgewicht kommen wir dann, wenn wir uns ganz mit uns selbst auseinandersetzen und wo möglichst wenig Ablenkung dabei geschieht. Ziehen wir aber während des spielerischen Balancierens über das Gehwegmäuerchen das Telefon aus der Tasche, komme wir schnell ins Rudern. Sobald du beginnst, dir ohne Ablenkung zuzuhören, bist du im Gleichgewicht. Es ist schön da.